Antwerpen: Der größte Diamantendiebstahl aller Zeiten | STERN.de

2023-02-22 18:11:13 By : Ms. Shirley Q

Am Abend des 15. Februar 2003 hatte Venus Williams bei den Proximus Diamond Games ihre Gegnerin Daniela Hantuchova aus der Slowakei mit 6:1 und 6:4 geschlagen und war ins Finale eingezogen. Der Siegerin des Turniers winkte neben einem dicken Preisgeld auch ein mit Edelsteinen im Wert von fast einer Million Dollar besetzter Tennisschläger. Viele der Diamantenhändler der Stadt schauten sich das Spiel live vor Ort im Sportpalais an. Zudem feierte der Generaldirektor des Diamantenzentrums Antwerpen in jener Samstagnacht seine Hochzeit. Außerdem hatten in den Tagen und Wochen zuvor zahlreiche Händler wegen der Irak-Krise ihre Kostbarkeiten von Tel Aviv nach Antwerpen transferiert. Umstände, die den Dieben in die Hände spielten.

Der Mega-Coup, der noch heute als größter Diamantendiestahl aller Zeiten im Guinnessbuch der Rekorde steht, war von sehr langer Hand geplant. Der Drahtzieher der Bande, die auch als "Turiner Schule" bekannt war, Leonardo Notarbartolo, hatte sich zwei Jahre zuvor ein Büro und ein Schließfach im Diamantenzentrum angemietet. Das verschaffte dem 51-jährigen Turiner freien Zugang zum Gebäude. Während seiner als Diamantenhändler getarnten Besuche nutzte der Berufsdieb eine in einem Kugelschreiber versteckte Kamera, um den Grundriss des Tresorraums im Untergeschoss auszukundschaften.

Ein Plan über den Grundriss des gesamten Gebäudes wurde ihm sogar großzügig ausgehändigt, nachdem er vorgab, ein geeigneteres Büro im Diamantenzentrum zu suchen. Hier wurden jeden Tag mindestens 50.000 Karat Diamanten gehandelt, ein täglicher Handelswert von 200 Millionen Dollar. Tausende Kameras überwachten zu jener Zeit das Treiben auf den Straßen, den Schaufenstern und in den Büros. Vor Ort gab es ein Polizeirevier und eine Überwachungsstation, in der zwei Beamte ständig die Straßen beobachteten. Metallpoller sorgen dafür, dass nur Sicherheitsfahrzeuge passieren konnten. Für den öffentlichen Verkehr waren die drei Straßen, in denen sich der größte Teil des Diamanten-Handels abspielte, geschlossen. Im Diamantenzentrum residieren Hunderte Diamantenhändler.

Der Tresorraum des Diamantenzentrums lag hinter zehn Sicherheitsschichten, war unter anderem durch Infrarot-Wärmedetektoren, Doppler-Radar, ein Magnetfeld und einen seismischen Sensor geschützt. Für die drei Tonnen schwere und 20 Zentimeter dicke Tresortüre brauchte es einen Spezialschlüssel. Das Schloss war zudem durch 100 Millionen mögliche Zahlenkombinationen geschützt. Um die Kombination einzugeben, musste man in ein kleines Fenster gucken, durch eine Linse, die das Bild leicht verzerrte. Die Tür wurde durch zwei aneinanderstoßende Metallplatten überwacht, eine an der Tür selbst und eine an der Wand gleich rechts daneben. Wenn sie aktiviert waren, bildeten die Platten ein Magnetfeld.

Wenn die Tür geöffnet wurde, brach das Feld zusammen und löste einen Alarm aus. Um das Feld zu deaktivieren, musste ein Code in ein nahe gelegenes Tastenfeld eingegeben werden. Schließlich erforderte das Schloss einen fast unmöglich zu duplizierenden, einen Meter langen Schlüssel. Jedes Schließfach im Tresorraum war passgenau eingelassen und zudem mit einem Code-Schloss gesichert. Jedes Fach hatte 17.576 mögliche Kombinationen. An jedem beliebigen Tag enthielt der Raum Werte im Wert von mindestens einer Milliarde Dollar. Wenn das Sicherheitssystem aktiviert war, wurde der Tresorraum zusätzlich von einer Firma in Brüssel aus überwacht. Er galt somit als einer der sichersten Tresore der Welt.

Wie die Bande um Notarbartolo diesen unbemerkt öffnen konnte, wurde nie geklärt. Doch das hochkomplexe Sicherheitssystem wurde von ihnen mit den simpelsten Methoden außer Gefecht gesetzt. Den Infrarot-Bewegungsmelder schalteten sie durch eine Dosis Haarspray aus. Die Schalldetektoren legten die Diebe mit Sprühschaum lahm, Hitzefühler schmierten sie mit Vaseline ein. Den Infrarotsensor für Körperwärme überlisteten sie mit einer Styroporplatte. Das alarmauslösende Magnetfeld wurde mittels einer speziellen Vorrichtung bestehend aus einer maßgefertigten Aluminium-Platte und hochbelastbarem doppelseitigem Klebeband von der Tresortür wegbewegt.

Der Hauptschlüssel befand sich in einem Lagerraum im Vorraum des Tresors. Die Bande brauchte ihn sich nur zu nehmen und die Kombination einzugeben, die sie zuvor vermutlich mit einer Kamera ausgespäht hatte oder die möglicherweise beim Abschließen gar nicht verstellt wurde. Im Tresor verdeckten sie den Bewegungsmelder mit einer Styroporbox und klebten den Lichtdetektor mit Klebeband ab.

Die mit großem Aufwand eingebauten Sicherheitssysteme hätten alle versagt, schrieb später die Zeitung "Het Laatste Nieuws". Dabei brauchten die Männer nicht einmal viel Geld, um sich die nötige Ausrüstung zum Ausschalten der Sicherungen zu besorgen. Eine Teleskopstange für 7 Euro gehörte dabei noch zu den teureren Gegenständen. 

Die Schließfächer knackten sie mit Hilfe eines selbstgebauten Bohrers mit Handkurbel. Für jedes Schloss benötigten sie zwar viel Kraft, aber nur rund drei Minuten. Ihre Taschenlampen schalteten sie jeweils nur für Sekundenbruchteile ein. Auf diese Weise knackten sie zwischen 1.40 Uhr und 5 Uhr morgens 109 der 189 Schließfächer. Sie schaufelten die Beute in ihre mitgebrachten Taschen und Seesäcke. Gold, Juwelen, Diamanten, Aktienpapiere und Bargeld.

Einer Diamantenschleiferei in dem betroffenen Gebäude wurde an jenem Tag der gesamte Vorrat entwendet, der Coup machte das Personal auf einen Schlag arbeitslos. Die Polizei schätzte den Schaden auf rund 100 Millionen. Doch Fachleute schätzten in weit höher ein und vermuteten, dass er bei rund 400 Millionen Euro liegt.

Bis 5.30 Uhr scheffelten die Diebe so viel, wie sie tragen konnten und verluden die Beute ins Auto. Einen Großteil der Beute – die später noch 17 Müllsäcke füllte – mussten sie zurücklassen, weil sie vermutlich einfach keine leeren Taschen mehr hatten, um alles wegzutragen. Zuletzt nahmen sie alle Videobänder aus dem zentralen Überwachungsraum mit. Die Sicherheitsfirma in Brüssel bekam von all dem nichts mit. In der Wohnung von Notarbartolo, die sich in Laufnähe zum Diamantenzentrum befand, wurde die Beute begutachtet und der Weitertransport nach Italien organisiert.  

Anschließend rasten Notarbartolo und einer seiner Komplizen mit einem gemieteten grauen Peugeot 307 in Richtung Brüssel. Sie hatten seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Sie mussten jetzt nur noch die belastenden Beweise verbrennen, die in einem Müllsack auf dem Rücksitz lagen. Der Rest des Teams war bereits mit den Edelsteinen auf dem Rückweg nach Italien. Notarbartolo parkte an einem Feldweg in der Nähe der Autobahn E19, stieg aus und kundschaftete eine Stelle aus, wo sie den Müllsack verbrennen wollten. Doch als er zurückkam, hatte sein Komplize vor lauter Nervosität dessen Inhalt schon versehentlich auf dem matschigen Boden verstreut. Überall lagen jetzt Papierschnipsel, winzige Diamanten, zerstörte Videokassetten, Echtheitszertifikate und Bargeld auf dem Boden verstreut – es würde Stunden dauern, alles aufzusammeln und zu verbrennen. Sie stiegen also ins Auto und fuhren weg.

Der Diebstahl wurde erst am Montag, den 17. Februar gegen 6.50 Uhr entdeckt. Und an jenem Tag wurde den Dieben auch der Müll, den sie zurückließen, zum Verhängnis. Ein örtlicher Bauer rief die Polizei, um die illegale Entsorgung auf seinem Privatgrundstück zu melden. In dem Abfall fand die Polizei unter anderem Papierschnipsel, die zusammengesetzt die Rechnung über eine Videoüberwachungsanlage ergaben – ausgestellt auf Notarbartolo. Auch die DNA an dem angebissenen Salami-Sandwich überführte den Turiner.

Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden sie eine Visitenkarte von dem polizeibekannten italienischen Elektronikexperten Elio D'Onorio. Zudem konnten die Ermittler mit Hilfe eines Einkaufsbons zwei weiteren Komplizen ausmachen, indem sie sich das Überwachungsvideo aus dem Supermarkt von dem Tag ansahen, das zu dem Zeitstempel auf dem Bon passte. Auf den Bildern erkannten sie Fernando Finotto und Pietro Tavano, zwei bekannte Diebe, die genau wie D’Onorio zum Verbrechersyndikat "Turiner Schule" gehörten und deren Spezialität Einbrüche waren.

In der Wohnung von Notarbartolo fand die Polizei zudem winzige Smaragde in den Teppichfasern – die gleichen, die man auch im abgelegten Müll entdeckte. Außerdem fanden sie eine SIM-Karte, die mit einem der Komplizen in Verbindung gebracht werden konnte. Deren Telefonaufzeichnungen zeigten, dass damit Anrufe in der Nacht des Diebstahls von Sendemasten in der Nähe des Diamantenzentrums weitergeleitet wurden. Von den sieben verschiedenen DNA-Spuren, die man im Tresorraum fand, konnten vier zugeordnet werden

Um nicht zu den Leuten zu gehören, die das Gebäude nach dem Diebstahl nicht mehr betraten und um sich nicht verdächtig zu machen, kehrte Notarbartolo fünf Tage nach dem Diebstahl noch einmal nach Antwerpen zurück. Auch, um den Mietwagen zurückzubringen. Doch als er am Freitagabend das Diamantenzentrum betrat, wurde er kurz darauf von einem Sondereinsatzkommando verhaftet. Gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft verweigerte er die Aussage. Schließlich wurde er 2005 vom Berufungsgericht Antwerpen zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt. Normalerweise beträgt die Höchststrafe für Diebstahl in Belgien fünf Jahre. Weil er jedoch als Drahtzieher der Operation galt, bekam er zehn Jahre.

Sein Komplize Elio D'Onorio bestritt jede Beteiligung an dem Einbruch, aber seine Fingerabdrücke wurden auf dem Klebeband im Tresorraum gefunden, mit dem der Lichtsensor abgedeckt wurde. Er wurde an Belgien ausgeliefert und zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt. Auch Pietro Tavano wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Freundin von Ferdinando Finotto hatte ein Anwesen an der französischen Riviera. Die Polizei fand in ihrem Haus ein paar 100-Dollar-Scheine, die dem Tresor des Antwerpener Diamantenzentrums zugeordnet werden konnten. Er wurde schließlich im November 2007 in Italien verhaftet und ebenfalls zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Die genaue Zahl der Männer, die in den Tresor eindrangen, ist nicht bekannt. Ebenso liegen keine Erkenntnisse darüber vor, ob Leonardo Notarbartolo zur Tatzeit innerhalb des Tresors war. Die Polizei schätzt die Anzahl der Ausführenden auf vier bis fünf, von denen einer "Schmiere stand", also das Gebäude von außen beobachtete. Heute sind alle wieder auf freiem Fuß. Die Beute wurde nie gefunden. 

Quellen: evidencelockerpodcast.com, Youtube, Wired, "The Sun", BBC, Guinness World Records, "Neue Zürcher Zeitung", DPA

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